E-Commerce in der Praxis - Erfolgreiche Shopbetreiber im Interview

Interview mit Oswald Praxenthaler, Geschäftsführer bei Sport-Praxenthaler

1. Seit wann sind Sie im E-Commerce aktiv und wie gestalteten sich rückblickend die ersten Schritte? Warum war E-Commerce damals für Sie ein Thema?

Die ersten Schritte waren auf Pricecontrast und in eBay in sehr kleinem Rahmen (ich habe damals in unserer Küche die ersten und sehr wenigen Päckchen auf den Weg geschickt).Erst 2006 (nach Kontakt mit der RID-Stiftung und einem daraus resultierendem Coaching) haben wir den E-Commerce Bereich richtig angepackt. Ein Thema deshalb, weil damit geographische und soziodemographische Grenzen aufgehoben werden können und wir durch ein „Schaufenster“ in die ganze Welt verkaufen können. Unabdingbare Voraussetzung hierzu allerdings sind m.E. eine gute Strategie und Positionierung des Auftritts.


2. Was waren bislang einige der größten Herausforderungen und wie haben Sie diese Herausforderungen gemeistert?

Erstens mussten wir vor ca. 2 Jahren die SEM Werbung vorübergehend abschalten, da wir die eingehenden Bestellungen nicht mehr abarbeiten konnten und unsere Prozesse zusammen zu brechen drohtenIch habe sehr viel Arbeit in unsere Hintergrundprozesse investiert – eine zweite Führungsebene etabliert bzw. die interne Organisation umgestellt.

Zweitens hat uns das hohe Wachstumstempo in finanzielle Engpässe geführt, in eine Liquiditätsfalle, die wir leider nicht mit den örtlichen Banken, sondern aus eigener Kraft meistern mussten. Wir haben nach sehr langer und intensiver Arbeit öffentliche Darlehen bekommen, die uns eine solide mittel/langfristige Finanzierung sowie eine weiteres überproportionales Wachstum gewährleisten werden. Hätten wir nicht einige Ideen zur Zwischenfinanzierung entwickeln können, wäre unsere weitere Entwicklung damals gefährdet gewesen.

Und drittens hat sich die Suche nach einem neuen Shopsystem, das den heutigen Anforderungen gerecht wird, sehr schwierig gestaltet und rückwirkend kann ich jedem nur ein sehr vorsichtiges und hochprofessionelles Auswahlverfahren hinsichtlich der Entwicklerfirma nahelegen.


3. Was war aus Ihrer heutigen Sicht betrachtet ihr größter Erfolg im E-Commerce und warum?

Die erfolgreiche, sehr schnelle Etablierung eines Shops, der innerhalb kurzer Zeit sehr hohe Zuwachsraten erzielte. Dadurch mussten wir die damit verbundenen Prozesse und Onlineaktivitäten richtig und sinnvoll steuern.


4. Was würden Sie mit einem Werbebudget von EUR 10.000 bzw. EUR 50.000 heute anstellen?

  • 30-40% würden auf alle Fälle im SEM und SEO Bereich angelegt werden.
  • 10-20% für Affiliate-Marketing.
  • 5-10% für Blogaktivitäten

Die restlichen Kosten können m. E. je nach Schwerpunkt in verschiedene weitere Kanäle fließen bzw. ich würde sie als „Innovationsreserve“ betrachten.


5. Wie beurteilen Sie den wachsenden Markt des Mobile Web. Gibt es hier bei Ihnen Überlegungen bzw. erste Ansätze?

Sehe ich absolut als Perspektive. Meiner Meinung nach wird das Handy der Zukunft noch mehr zum Allroundinstrument, mit dem man die Dinge des Alltags bewältigt. Selbstverständlich fallen hierunter meines Erachtens auch Einkäufe, besonders Impulskäufe, die noch schnell erledigt werden wollen.Allerdings werden komplizierte Waren, so wie bei uns Skitourensets, die auch weiterhin hohe Produktkenntnisse und versierte Beratung benötigen, keine Produkte sein, die über das Mobile Web gekauft werden.


6. Was wären die aus Ihrer Sicht drei wichtigsten Tipps für einen Einsteiger ins OnlineBusiness und was was wären drei absolute „no go´s“?

  • Klare Strategie und Marktpositionierung in einem Segment, in dem ich zu den besten Anbietern gehöre. Dies gelingt sicherlich nur in einer entsprechenden Marktnische.
  • Sauberes Aufsetzen der Hintergrundprozesse, um ein überproportionales Wachstum bewältigen zu können.
  • Ein Shopsystem, das mit der Warenwirtschaft online verbunden ist oder schnell verbunden werden kann und auch bei einer Vervielfachung des Umsatzes noch leistungsfähig bleibt.

„no go´s“ sind m. E. natürlich die Missachtung obiger Punkte dazu:

  • Sparen bei der Shoplösung, um die Einstiegsinvestitionen zu minimieren:
  • Den Shop „als Anhängsel“ zu betrachten, der nebenher läuft und neben dem stationären Handel betrieben wird.
  • Zu diesem (späten) Zeitpunkt im E-Commerce starten und nicht überproportional in Werbung und professionelle Unterstützung zu investieren.


7. Welche Technologie bzw. welches Shopsystem verwenden Sie und warum?Magento Enterprise:

  • Sub Shop fähig.
  • Viele Funktionen, die wir benötigen, stellt nur diese Variante zur Verfügung.
  • Wir sind der Meinung, dass Magento das derzeit beste Shopsystem für unsere Umsatzgröße ist.
  • Wir haben uns für die Enterprise Version entschieden, um ein weiteres überproportionales Wachstum nicht durch Engpässe in der Technik zu behindern.


8. Was muss man als Unternehmer aus Ihrer Sicht mitbringen, um im E-Commerce Erfolg haben zu können?

  • Visionen und Ideen:
  • Die Freude an der eigenen Arbeit und den Kundennutzen stets im Fokus des Handelns zu haben – ich bin ein Anhänger der Thesen von Merath.
  • Die Fähigkeit, konsequent und ausdauernd den eingeschlagenen Weg zu verfolgen; natürlich unter der Prämisse einer ständigen Reflektion mit der anfänglich aufgesetzten Strategie und entsprechenden Anpassungen an die aktuelle Marktentwicklung.


9. Welche drei Shops sind für Sie derzeit als Benchmark zu sehen und warum?

  • Bergzeit
    Ein Vorreiter in unserer Produktnische, der sich nicht über stationäre Aktivitäten, sondern aus dem Onlinebereich heraus bestens entwickelt hat. Stellt inzwischen sicherlich ein Benchmark in unserer Branche dar
  • Sport Conrad
    Seit jeher der stärkste Skitouren- und Freeride Anbieter im Markt. Er hat dieses Produktsegment im Internet etabliert und war hier v. a. mit dem Setgedanken Vorreiter.
  • Globetrotter
    Mit großem Abstand sicherlich der größte Multi-Channel Anbieter im deutschsprachigem Raum im Outdoorbereich. Shopsystem sicherlich nicht „State of Art“, wird aber ebenfalls auf Magento umgestellt. Von den Prozessen, Innovationen, z.B. 4-Season Channel, und Ideen definitiv ebenfalls ein Betrieb der ersten Stunde. Hatte natürlich logistisch/versandtechnische Vorteile aufgrund seiner Wurzeln im klassischen Versandhandel.


10. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Trends im E-Commerce?

  • Social Media
  • Multi-Channel Strategie entwickelt sich als stabilstes Wachstumssegment.
  • Einbindung qualitativ hochwertiger Bildansichten (3-D, 360°, Videos) wird immer mehr zum „Must have“.


11. Wie beurteilen Sie das Thema Social Commerce. Wie sozial ist Ihre E-Commerce-Strategie ausgerichtet?

Finde ich ein sehr wichtiges und interessantes Thema, das meiner Meinung nach den Erfolg eines E-Commerce Unternehmens in der Zukunft entscheidend beeinflussen kann. Darüberhinaus gelingt es dadurch, dem eignen Unternehmen einen ganz besonderen „USP“ zu generieren. Angelehnt an den Wikipedia Eintrag „http://de.wikipedia.org/wiki/Social_CommerceIch“ würde ich nachfolgende Bereiche unterscheiden:

die unmittelbar in das Entlohnungssystem unserer Mitarbeiter einfließen bzw. können die Beschäftigen durch Erreichen gewisser „Bewertungs-Benchmarks“ eine zusätzliche Prämienzahlung erreichen. Die Verknüpfung wirkt dadurch auch positiv auf alle Mitarbeiter, die Kundenzufriedenheit in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Leider haben wir da noch einige Engpässe (altes Shopsystem, noch keine tagesaktuelle Verknüpfung mit unserem Warenwirtschaftssystem und dadurch einfach eine gewisse Anzahl von negativen Bewertungen, die wir aber mit dem neuen Shop-Relaunch definitiv bewältigt haben werden).

  • Im nachgenannten Bereich haben wir noch keinerlei Erfahrungen bzw. sind noch am Anfang bzw. m. E. auch noch zu unbedeutend, um hier aktiv mitgestalten zu wollen.

„Darüber hinaus ist es auch ein Kennzeichen des Social Commerce, dass man selbst Produkte gestalten und über Shopsysteme in privaten Homepages vertreiben kann. Nahezu alle notwendigen Funktionen (wie z. B. Lagerhaltung, Produktion, Versand, Zahlungsabwicklung etc.) werden vom Anbieter übernommen und die Nutzer müssen lediglich die Motive und Art der Merchandisingartikel selbst festlegen. Die Betreiber der Shops übernehmen hier die eigentliche Aufgabe des Produktdesigns, der Anbieter stellt im Hintergrund nur noch Produktions- und Logistikkapazitäten zur Verfügung. Dabei handelt es sich um eine Form der individualisierten Massenfertigung. Häufig wird statt Social Commerce auch der Begriff Social Shopping verwendet.“Quelle Wikipedia)


12. Waren früher die Bereiche SEO/SEM die Buzz-Words, so wird das Ganze heute häufig ergänzt durch User Experience Optimization bzw. Usability-Optimierung. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Finde ich sehr wichtig aus nachfolgenden Gründen:

  • SEO/SEM verursachen in erster Linie die höchsten Kosten im Marketingbudget und beeinflussen dadurch erheblich den CPO und CPC.
  • Obige Instrumente bringen den User nur zum Shop und noch nicht zum Kauf. Entscheidend ab diesem Zeitpunkt sind sicherlich im Anschluss optimale Optimization und Usability des Shops. Erst diese Komponenten führen zu einem positiven Abschluss. Sind diese Kriterien nicht berücksichtigt, hat der Besucher letztendlich nur Kosten verursacht und verlässt schlimmstenfalls ohne Einkauf frustriert den Shop (z. B. keine saubere Bestellführung, mangelnde Zahlungsarten, unverständliche Benutzerführung, Systemabstürze etc.). Eine negative Bewertung des Shops in Foren wäre dann zumindest auch nicht ausschließbar, womit sämtliche Marketingaktivitäten konterkariert werden würden.


13. Wo sehen Sie sich und den E-Commerce ganz allgemein in zwei Jahren?

Ich sehe weiterhin ein sehr hohes Wachstumspotential und eine stark steigende „Gemeinde von Usern“. Allerdings wird es sicherlich deutlich schwieriger, sich seine Marktanteile zu erarbeiten bzw. zu halten.Aufgrund der Tatsache, dass ich von Beginn an dabei bin und unter anderem auch in einer Pilotgruppe zusammen mit anderen erfolgreichen E-Commerce Betreibern sitze, habe ich ein sehr positives Zukunftsbild hinsichtlich unserer weiteren Entwicklung. Nicht zuletzt macht mir persönlich dieses „Business“ richtig Spaß, weil ich dabei merke, mit Ideen und guten Innovationen „lässt sich noch richtig was bewegen“.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben


© 2014 eSTRATEGY-Magazin
Facebook
Twitter
RSS
XING
Google+