E-Commerce in der Praxis - Erfolgreiche Shopbetreiber im Interview

Interview mit Christopher Pfahl, Geschäftsführer bei "Der Zuckerbäcker"

1. Seit wann sind Sie im E-Commerce aktiv und wie gestalteten sich rückblickend die ersten Schritte? Warum war E-Commerce damals für Sie ein Thema?

Erste Erfahrungen im E-Commerce sammelte ich wahrscheinlich wie viele aus Käufersicht. Ein Kunde merkt oft am besten welches Onlinekonzept gut ist und welches nicht. Dieses Bauchgefühl reicht natürlich nicht aus, gleich selbst einen Onlineshop zu betreiben. Mein Know-how sammelte ich in der Berliner Startup-Szene und beobachtete damals sehr genau die Entwicklung von Zalando, MisterSpex und Co., bevor ich mich mit meinem Schulfreund Anastasios Paliakoudis Anfang 2009 mit einer Interimsberatung für E-Commerce selbständig machte. Wir entwickelten damals E-Commerce Konzepte für Mittelständler, engagierten Programmierer, stellten Personal ein und schlossen das neue Onlinegeschäft an die Offlineressourcen unserer Kunden an, bevor wir die Projekte an sie übergaben. E-Commerce ist super spannend und sehr herausfordernd und im Internet-Business noch eines der greifbarsten Geschäftsmodelle neben vielen rein virtuellen Geschäften wie Lead Generation, virtuelle Währungen, Social Networks oder Onlinewerbung.


2. Was waren bislang einige der größten Herausforderungen und wie haben Sie diese Herausforderungen gemeistert?

Als Berater war es für uns manchmal schwer, unser Konzept in der Form durchzusetzen wie wir es gerne gemacht hätten. Es lässt sich niemand gern in sein Geschäft reden. Wir sind mit dem Internet aufgewachsen und wissen damit umzugehen. Es ist aber nicht leicht, dies gestandenen Unternehmern nahezubringen und sie davon zu überzeugen, dass jemand, der 30 Jahre jünger ist, mehr Erfahrung im Onlinegeschäft haben kann als sie selbst. Irgendwann wachten wir morgens auf und hatten nicht mehr den Spaß an der Arbeit, der nötig ist, um außergewöhnliche Ergebnisse zu liefern. Das war für uns das Zeichen, etwas Neues zu beginnen. Die Freude sollte im Mittelpunkt stehen. Eine Freundin brachte uns dann auf die Idee, etwas rund um Süßigkeiten zu machen, das bereitet schließlich jedem Freude. So entstand unser Herzensprojekt „Der Zuckerbäcker“ (www.Der-Zuckerbaecker.de) im Oktober 2010.


3. Was war aus Ihrer heutigen Sicht betrachtet ihr größter Erfolg im E-Commerce und warum?

Unser größter eigener Erfolg ist „Der Zuckerbäcker“. Das soll natürlich weiterhin ausgebaut werden, weil wir an die Idee glauben und jeden Tag sehr viel Spaß daran haben. Wir freuen uns jeden Tag, unsere Idee weiter vorantreiben zu können und sind stolz darauf, so viel Zuspruch von Kunden, Unternehmen und auch den Medien zu bekommen. Mit „Der Zuckerbäcker“ möchten wir den Charme alter Krämerläden wieder aufleben lassen, jedoch mit den neuen technischen Möglichkeiten. Daraus entsteht dann Tante-Emma 2.0.


4. Was würden Sie mit einem Werbebudget von EUR 10.000 bzw. EUR 50.000 heute anstellen?

Wir würden den Zuckerbäcker noch bekannter machen. Richtig eingesetzt kann ein Budget von 10.000 Euro eine sehr große Wirkung haben. Gerade wenn sich deine Idee viral verbreitet, dann können 10.000 Euro so viel Wirkung wie 50.000 Euro haben. Ändern würden wir an unserer jetzigen Marketingstrategie kaum etwas. Wahrscheinlich würden wir die eine oder andere größere virale Aktion, bei der die Freude im Vordergrund steht, machen.


5. Wie beurteilen Sie den wachsenden Markt des Mobile Web. Gibt es hier bei Ihnen Überlegungen bzw. erste Ansätze?

Für „Der Zuckerbäcker“ ist das aktuell noch keine Option. Das Thema Lebensmittel online kaufen steckt noch in den Kinderschuhen. Der Markt ist noch sehr jung, wird sich aber in den nächsten Jahren stark entwickeln. Doch bevor dieser Bereich für das Mobile Web in Frage kommt müssen sich Lebensmittel erst einmal im klassischen E-Commerce behaupten. Insgesamt ist Mobile Web natürlich sehr interessant und wird sich immer mehr etablieren. 


6. Was wären die aus Ihrer Sicht drei wichtigsten Tipps für einen Einsteiger ins Onlinebusiness und was wären drei absolute „no go´s“?

Ganz wichtig. Habe Spaß an dem was Du tust. Dann bist Du auch in der Lage, Außergewöhnliches zu leisten. Das heißt aber auch, eine Idee nicht aus rein monetären Gründen zu verfolgen. Das steht nicht an erster Stelle. Erfolg ist nicht planbar, wenn man mit Leidenschaft ein Ziel verfolgt, stellt sich der Erfolg irgendwann von alleine ein. Daher Fokus auf den Spaß und nicht das Geld. Dann: Höre auf Dein Bauchgefühl, meist liegt es richtig. Tue nie Sachen, wenn Du ein schlechtes Gefühl dabei hast. Das klingt logisch und einfach, ist es aber manchmal nicht. Mein dritter Tipp ist: MACH ES EINFACH. Wenn Du eine tolle Idee hast, deren Umsetzung Dir Spaß macht, dann mach es einfach.

Absolute no go’s gibt es nicht. Im E-Commerce und anderen Bereichen des Onlinebusiness funktioniert viel durch Try and Error. Fehler soll jeder auch machen dürfen, solange diese schnell erkannt und ausgemerzt werden. Leergeld = Lehrgeld.


7. Welche Technologie bzw. welches Shopsystem verwenden Sie und warum?

Als Grundsystem nutzen wir Magento. Unser Shop ist jedoch im Design sehr stark individualisiert und an einigen Ecken und Enden sehr stark angepasst. Usability und ein schönes Einkaufserlebnis für den User ist besonders wichtig. Einen Standardshop aufzusetzen reicht heute nicht mehr. Der Kunde möchte ein rundes Gesamtkonzept, das etwas Besonderes ist. In der Innenstadt ist auch nicht jeder Offlineladen gleich ausgestattet und eingerichtet. Der Zuckerbäcker ist eben der gute alte Krämerladen im Internet und dieses Gefühl soll unser Kunde haben. Dafür haben wir den Shop von allen unnötigen Zusatzfeatures entfernt. Magento selbst bietet eine super Basis, tolle Onlineshops zu erstellen. Ich kenne aktuell kein Opensource Shopsystem, welches es mit Magento aufnehmen kann. Natürlich gibt es bei jedem System Vor- und Nachteile. Wichtig ist es nur, diese zu kennen und entsprechend darauf zu reagieren.


8. Was muss man als Unternehmer aus Ihrer Sicht mitbringen, um im E-Commerce Erfolg haben zu können?

An den Grundtugenden eines Unternehmers hat sich zu früher nicht viel geändert. Ich finde es sehr wichtig, mich auf Geschäftspartner verlassen zu können. Ein Gentlemen’s Agreement zählt wie ein Vertrag. Es gibt einfach gewisse Selbstverständlichkeiten. Besonders schön ist es für mich, dass sich Anastasios und ich bestens verstehen. Wir wissen, dass wir uns jederzeit aufeinander verlassen können. Das ist viel wert und heute leider nicht mehr selbstverständlich. Für den E-Commerce benötigt man meiner Ansicht nach keine besonderen Fähigkeiten, die in anderen Branchen nicht genauso gelten. Hilfreich ist es sicher, wenn man im Team Leute hat, die analytisch denken, das ist auch sehr wichtig, da Onlineshops regelmäßig optimiert werden sollten. Prozessoptimierung erfordert eben eine analytische Herangehensweise


9. Welche drei Shops sind für Sie derzeit als Benchmark zu sehen und warum?

Ein gutes Beispiel für herausragenden Kundenservice und dem klaren Fokus auf „Delivering Happiness“ ist Zappos.com. Bei „Der Zuckerbäcker“ ist es uns sehr wichtig, alle Kunden zufrieden zu stellen, so wie früher im Krämerladen. Dafür ist Zappos natürlich ein gutes Beispiel. Kundenservice muss bis in die feinste Ader jedes Unternehmensbereichs gelebt werden. Es reicht nicht, wenn nur die Mitarbeiter im Kundenservice „nett“ sind, das muss jeder Mitarbeiter im Unternehmen sein. Die Internetseite muss kundenfreundlich sein und die Produkte ebenso. Bemerkenswert finde auch die Seite moo.com. Hier zeigt sich, dass es sehr stark auf das Gesamtkonzept ankommt. Es muss sich ein roter Faden durch jeden Bereich des Unternehmens ziehen. Alles muss aufeinander abgestimmt sein. Moo.com zeigt, dass sie nicht primär Drucksachen verkaufen, sondern vielmehr Lifestyle und Individualismus. Das weiß auch die moo.com eigene Community zu schätzen. Große Klasse ist auch mymuesli.com. mymuesli ist Vorreiter im Mass Customization und zeigt, dass Nischenmärkte sehr attraktiv sein können.


10. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die drei größten Trends im E-Commerce?

Ein Trend, der langsam den Kinderschuhen entwächst sind Lebensmittel. Ich bin mir sicher, dass sich in einiger Zeit viele Menschen einen großen Teil des Lebensmittelbedarfs bequem ins Haus liefern lassen werden. Alle Lebensmittel, die nicht frisch sein müssen, bieten sich dafür an. Sicher ist für mich auch, dass frische Lebensmittel wie Fleisch oder Obst weiterhin lokal bezogen werden. Die aktuelle Entwicklung zeigt aber auch, dass sich online sehr gut Nischenanbieter, die z. B. gezielt Olivenöl, Delikatessen etc. verkaufen, ein sehr hohes Entwicklungspotential haben. „Der Zuckerbäcker“ ist sicher ein gutes Beispiel für einen solchen Nischenanbieter im Süßigkeitenbereich. Ein weiterer Trend wird sein, dass es für einen guten Onlineshop nicht mehr ausreichen wird, einen Warenkatalog anzubieten, der gekauft werden kann. Der moderne Onlinekunde erwartet durchdachtere Konzepte und möchte besser informiert oder beraten werden. Darüber hinaus wird alles mobiler sein und ich erwarte mir tolle Konzepte, die die Online- und Offlinewelt besser verknüpfen.


11. Wie beurteilen Sie das Thema Social Commerce. Wie sozial ist Ihre E-Commerce Strategie ausgerichtet?

Wir sind mit „Der Zuckerbäcker“ in sozialen Netzwerken sehr aktiv. Der direkte Kundenkontakt und Austausch ist uns sehr wichtig. Daher pflegen wir unsere sozialen Profile intensiv und genießen das ehrliche Feedback unserer Kunden. Heutzutage ist das meines Erachtens unausweichlich und der Kunde erwartet das. Zu Recht. Zudem können wir dadurch unsere Kunden immer darüber informieren, was gerade bei uns los ist.


12. Waren früher die Bereiche SEO/SEM die Buzz-Words, so wird das Ganze heute häufig ergänzt durch User Experience Optimization bzw. Usability-Optimierung. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Sehr wichtig. Wie schon erwähnt, reicht es heutzutage nicht mehr, einen reinen Onlineshop zu betreiben. Der Kunde möchte auf der Internetseite etwas erleben und Spaß haben. Daher ist es sehr wichtig, dem Kunden ein rundes Gesamtbild zu liefern und Aussagen wie „Für mehr Freude“ nicht als Marketingspruch ansehen, sondern diese Worte jeden Tag selbst leben. Kunden merken sehr schnell, ob Worte gelebt oder nur als Marketing-Gag angesehen werden. Usability gehört natürlich auch sehr stark zur User Experience. Kunden möchten nicht lange überlegen müssen, wie nun eine Internetseite zu verstehen ist. Alles muss leicht und intuitiv funktionieren. Im Internet muss ein Kunde nur ein kleines „X“ drücken, wenn ihm der Besuch einer Seite zu anstrengend wird oder zu viel Nachdenken erfordert. Schon ist er weg.


13. Wo sehen Sie sich und den E-Commerce ganz allgemein in zwei Jahren?

E-Commerce wird bald im unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sein. Im Lebensmittelbereich sehe ich sehr viel Entwicklungspotential. Auch werden immer mehr Nischen besetzt werden. Verstehen kann ich nicht, warum der B2B Bereich noch sehr rückständig ist. „Der Zuckerbäcker“ ist das Herzensprojekt von Anastasios und mir. Wir werden die nächsten Jahre mit unserem Team viel Freude mit unseren Süßigkeiten bereiten. „Der Zuckerbäcker“ hat die nächste Zeit noch sehr viel vor. Konkretes können wir aber leider noch nicht verraten. Ihr dürft aber gespannt sein… 

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