• Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING

Share Economy: Idealistische Träumerei oder neue Chancen für den E-Commerce?

fotolia.com-juliabatsheva

Immer öfter fallen die Begriffe „Share Economy“ oder „Share Community“ im E-Commerce. Was steckt hinter dem neuen Verständnis des Teilens? Geht es um einen Wandel im Kapitalismus oder nur um das kurzlebige Phänomen einer Subkultur? Ist Leihen wirklich das neue Kaufen? Und welche Auswirkungen haben die neuen technischen Möglichkeiten für den E-Commerce und auf die gesamte Arbeitswelt?

Teilen, tauschen, sharen? Was bedeutet Share Economy?

Der Begriff „Share Economy“ wurde in den 80er Jahren vom amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Martin Weitzman geprägt. In den 2000er Jahren wandelte sich der Begriff in Bezug auf das Web 2.0 zur Aussage, dass sich der Wohlstand für alle erhöht, je mehr unter allen Marktteilnehmern geteilt wird. Das Internet und besonders die sozialen Medien eröffneten zu dieser Zeit einer breiten Gesellschaft völlig neue Zugänge zu den begehrten Ressourcen. Durch die neuen Technologien konnten Wissen und Waren nicht nur konsumiert, sondern weiterverarbeitet und weiterverbreitet werden. Es entstanden ganz neue Wege, auf denen die Menschen kaufen, besitzen, tauschen und teilen können.

Michael Kuhndt, Direktor des CSCP:
Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production in Wuppertal definiert den Begriff heute so: „Sharing Economy ist ein sozio-ökonomisches System, das das Tauschen und Teilen von menschlichen und sachlichen Ressourcen ermöglicht. Habe ich Know-how oder habe ich ein Produkt? Biete ich eine Dienstleistung oder eine Wohnung, die ich mit anderen teilen kann? Es geht um ganz normale wirtschaftliche Prozesse, wie schon vor 300 Jahren, als man Salz gegen ein anderes Gut tauschte.“

Teilen ist nicht neu, Sharing schon

Teilen und Tauschen sind natürlich nicht neu. Tauschhandel gab es, bis das Geld als Zahlungsmittel erfunden wurde. Spätestens seit den 60er Jahren wird kommerzialisiertes Teilen genutzt: Autovermietung und Mitwohnzentralen waren bisher die bekanntesten Formen. Die vernetzte Share Economy geht einen Schritt weiter: Teilen statt Besitzen steht im Fokus der globalen Bewegung, die sich mit dem veränderten Besitzverhältnis weg vom Kaufen, hin zum Tauschen von Produkten und Know-how beschäftigt. Es geht um Nachhaltigkeit und ressourcenschonenden Handel. Das greift inzwischen auf immer mehr Lebensbereiche über. Ob kommerzielle oder idealistische private Plattformen – sie alle vereint die Idee, eine Ressource gemeinsam und zeitlich begrenzt zu nutzen, die man bislang für sich allein kaufte. Aus der anfänglich ideologischen Bewegung haben sich inzwischen immer mehr Businessmodelle entwickelt. Neu ist dabei, dass Unternehmer nun Geschäfte machen, indem sie Menschen zusammenführen und helfen, Dinge zu teilen.

Die Gründe für verändertes Konsumverhalten

In den letzten Jahren hat sich das Konsumverhalten enorm verändert. Die mobile Gesellschaft macht den Wunsch, Dinge zu besitzen, immer unattraktiver. Besonders junge Menschen wollen oder müssen heute flexibel sein, Eigentum verliert an Bedeutung, Verantwortung wird zur Last. Ein neues Produkt wird immer öfter nicht mehr gekauft, sondern mit anderen durch Verleih, Vermietung oder Tausch geteilt. Die Ressourcen werden knapper, aus moralisch-ethischer Sicht ist Sharing gerade für die jüngere Generation sehr relevant, ebenso wie der soziale Aspekt des ökonomischen Systems Share Economy. Dabei geht es um unterschiedliche Motive: 

  • Eigentum wird zur Last, Verantwortung wird lieber geteilt
  • Die knapper werdenden Ressourcen machen eine effektivere Nutzung von Gütern zum ideologischen Top-Thema
  • In Krisenzeiten und Tagen knapper Haushaltskassen spielen Finanzen eine große Rolle

In der Share Economy gibt es zum einen die privaten Portale, auf denen von der Bohrmaschine bis zum Rasenmähen immer mehr Produkte und Dienstleistungen zum Tauschen, Leihen oder mieten angeboten werden. Zum anderen entstehen Sharing-Plattformen von Unternehmen, die mit neuen Vermarktungsstrategien neue Zielgruppen gewinnen wollen. Bei letzteren dürfte der soziale Aspekt eine untergeordnete Rolle spielen. Neue Technologien dafür eine umso wichtigere.

Wie verändern die neuen Technologien den Handel?

Weniger Besitz bedeutet nicht gleich weniger Konsum. Durch Teilen können wir aber mehr fürs Geld bekommen. Die technologischen Möglichkeiten des Internetzeitalters unterstützen diesen Wunsch. „Smartphones und Apps machen es möglich, dass man jederzeit Zugang zu den Angeboten hat. Wer bietet was wo erfahre ich immer einfacher und schneller über Websites und Online-Profile privater Anbieter“, sagt Konsumforscher Kuhndt.

Der amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin sieht die Share Economy als neues Wirtschaftssystem und spricht von einer „Zugangsgesellschaft“, die sich von dauerhaftem Besitz immer mehr trennen wird. Nicht der Besitz ist entscheidend, sondern der Zugang dazu. So kann das leere Zimmer meiner Wohnung zur bezahlten Unterkunft oder der Privatwagen als Fahrdienst genutzt werden. Aus Konsumenten werden Nutzer, ein kultureller Umbruch, der auch den E-Commerce beeinflusst.

Teilen ist nicht neu, Sharing schon

Teilen und Tauschen sind natürlich nicht neu. Tauschhandel gab es, bis das Geld als Zahlungsmittel erfunden wurde. Spätestens seit den 60er Jahren wird kommerzialisiertes Teilen genutzt: Autovermietung und Mitwohnzentralen waren bisher die bekanntesten Formen. Die vernetzte Share Economy geht einen Schritt weiter: Teilen statt Besitzen steht im Fokus der globalen Bewegung, die sich mit dem veränderten Besitzverhältnis weg vom Kaufen, hin zum Tauschen von Produkten und Know-how beschäftigt. Es geht um Nachhaltigkeit und ressourcenschonenden Handel. Das greift inzwischen auf immer mehr Lebensbereiche über. Ob kommerzielle oder idealistische private Plattformen – sie alle vereint die Idee, eine Ressource gemeinsam und zeitlich begrenzt zu nutzen, die man bislang für sich allein kaufte. Aus der anfänglich ideologischen Bewegung haben sich inzwischen immer mehr Businessmodelle entwickelt. Neu ist dabei, dass Unternehmer nun Geschäfte machen, indem sie Menschen zusammenführen und helfen, Dinge zu teilen.

Die Share Economy-Szene in Deutschland

Es gibt hunderte Start-up Plattformen, über die Güter und Wissen geteilt und getauscht werden. Vom Kinderfahrrad bis zur Diamantkette, vom Rasenmähen bis zum Büroplatz wird online immer mehr geteilt und geliehen.

Als deutsches Start-up-Mekka ist Berlin eine Hochburg der Share Economy. Hier gab es bereits in den 90er Jahren Umsonstläden. Und hier wuchs seit 2011 der Senkrechtstarter Wimdu innerhalb kürzester Zeit mit 250 internationalen Mitarbeitern zum größten Unterkunftsportal in Europa. Auch die 2007 gegründete Musikerplattform Soundcloud hat ihr Headquarter an der Spree. Die so genannten „Free Floater“, Carsharing-Dienste, bei denen man Autos einfach und schnell über die App bucht und sie an der nächsten Ecke abstellen kann, verzeichnen immense Zuwächse. Der Vertrieb der Autohersteller wandelt sich gerade eklatant. BMW Berlin reagierte auf den Trend des Teilens sehr schnell. Ihr DriveNow war einer der ersten Autoverleiher per Mobile App, Autos mit ihrem Logo sieht man heute in ganz Deutschland. Mitbewerber Daimler bietet unter Car2Go ein so erfolgreiches Mobilitätskonzept, dass das Geschäft weltweit ausgebaut wurde. Carsharing heute symbolisiert ökologisches Bewusstsein, Dynamik und Coolness. Der Hamburger Online-Appartementvermittler 9flats, bei dem man erst bei Einzug an den Gastgeber zahlt, gilt als einer der ersten profitablen Vermittler der Sharing Community. Und auf Fashion-Plattformen wie dem Stuttgarter Mädchenflohmarkt kann jede(r) gegen eine Provision von 10 Prozent “Pre-Loved-Fashion“ online verkaufen kann. Dem idealistischeren Kleiderkreisel aus München brachte die Gebühreneinführung einen riesigen Shitstorm und Austrittsdrohungen ein. Allerdings bietet das Bezahlsystem mehr Sicherheit und weniger Betrugsfälle.

Vom geteilten Arbeitsplatz bis zum Parkplatzleihen zieht sich das Angebot in Deutschland inzwischen auf immer mehr Bereiche, das mehr und mehr Menschen nutzen. Einen guten Überblick bietet die Plattform CrowdCommunity.

Umfrage zur Nutzung von Share Economy-Angeboten in Deutschland 2014 ©Statista 2015

Kritik: Die unsoziale Krake Share Economy?

Die Share Economy stellt ganze Branchen auf den Kopf. Das bleibt nicht unbeobachtet. Der Blogger Sascha Lobo beschreibt die kommerziellen Vermittlerplattformen als Krake, die alles vereinnahmt, aber nichts gibt und ganz nebenbei Errungenschaften wie Tariflohn und Sozialversicherung aus dem Weg räumt. Die Vermittler stellen die Plattform und den Zugang her und tragen kaum Risiko. Airbnb ist besonders Finanzämtern und Gewerkschaften ein Dorn im Auge, da die privaten Anbieter die eingenommene Miete in den seltensten Fällen versteuern. In Berlin, New York oder Wien ruft das nicht nur die etablierte Hotelbranche auf den Plan, die Unternehmen wie Airbnb die Untergrabung bestehender Gesetze und Arbeitnehmerrechte vorhält und auch eine Mitschuld an der Wohnungsnot zuschreibt. Die Zunahme an prekären Arbeitsverhältnissen lastet man der Privatfahrer-Vermittlung Uber an. Deren (Privat-)Fahrer verdienen weniger als ein Taxifahrer, während Uber 20 Prozent an jeder Fahrt kassiert, obwohl das Unternehmen lediglich die App zur Verfügung stellt. In beiden Fällen ist auch die Politik aktiv geworden und erlässt Gesetze zur Regulierung. Die Auswirkungen der Share Economy werden gerade erst deutlich.

Der Boom der Share Economy lockt Investoren

Trotzdem (oder gerade deswegen?) boomt die Sharing Economy. Investoren wittern das große Geschäft und umschwärmen Unternehmen wie Airbnb, Uber oder Wimdu, die erfolgreiche global operierende Unternehmen geworden sind. Inzwischen fördern auch Stadtverwaltungen die Sharing-Idee, um den drohenden Verkehrskollaps der Metropolen zu verhindern. Paris sponsert das Bikesharing, Berlin will Carsharing fördern und die Wagen auf den schnelleren Busspuren fahren lassen, Hamburg engagiert sich bei Car2Go.

 „Fast alle Parteien beschäftigen sich mit dem Thema, weil sie nach alternativen Wirtschaftsmodellen suchen. Auch bei den Staaten ist das Thema fast überall präsent. Etliche Städte überlegen sich Strategien, welche Rolle die Sharing Economy in der Stadt von morgen spielen kann, gerade im Hinblick auf immer knapper werdende Ressourcen und Haushaltskassen. Die Sharing Economy erreicht somit fast jeden. Ob konservativ oder progressiv, reich oder arm, Städte, Medien oder Politik“, sagt Michael Kuhndt.

Im Internet trifft Geschwindigkeit auf Grenzenlosigkeit

Das Onlinebusiness ist schnell und grenzenlos, es kennt keine Öffnungszeiten. Durch die Smartphone- und App-Technologie sind neue Unternehmenskonzepte entstanden, die bisher kommerziell nicht möglich waren. Sie erschließt neue Geschäftsbereiche, sorgt für sinkende Transaktionskosten und macht die neuen Plattformen äußerst lukrativ. Die Vermittler von Zugängen und Ressourcen sitzen deshalb an wichtigen Positionen und können die Regeln des neuen Onlinebusiness mitbestimmen.

Fazit: Die Zukunft der Share Economy

Die Share Economy öffnet ein ganz neues Feld für Geschäftskonzepte, die bislang nicht möglich waren. Carsharing und Wohnungstausch waren die ersten erfolgreich umgesetzten Konzepte, die inzwischen auf vielen kommerziellen Plattformen boomen. Logistik wird zum spannenden Thema der Sharing Economy. Hier werden große Chancen auf Erfolg gesehen. Auch der Dienstleistungssektor ist für die junge Share Economy noch nicht annähernd so tief erforscht. Wer hier frische Geschäftsideen z. B. für Lieferdienste oder Serviceangebote entwickelt, hat gute Chancen, bei der mobilen Gesellschaft erfolgreich zu sein. Zeit ist Geld. Es geht darum, beides zu sparen.

Alles, was dabei hilft, zu organisieren und zu liefern und was das Leben von zusätzlicher Verantwortung für Besitz befreit (und dabei möglichst Ressourcen schont), steht ganz oben auf der Wunschliste der Share Community. Ob es der geteilte Parkplatz oder eine Stromleitung ist: sowohl die Unternehmen als auch Privatpersonen, die Politik und die Industrie kommen am Thema Share Economy nicht mehr vorbei. In Zukunft werden immer mehr Dinge geteilt werden. Der Onlinehandel fängt gerade erst an, das große Potenzial zu realisieren.

Autor

Martin Sperling ist Geschäftsführer der VOTUM GmbH in Berlin. Als Experte für E-Commerce-Strategien verfügt er über 15 Jahre Erfahrung im Markt und kennt die Anforderungen erfolgreicher E-Business-Projekte aus den unterschiedlichsten Branchen genau.

www.votum.de 
martin.sperling@votum.de

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING
© 2016 eSTRATEGY-Magazin
Facebook
Twitter
RSS
Xing
Google+